Taiji lernen – Was lerne ich da?

Vom Lernen der Form zum Taiji

In der Regel sind unsere ersten Schritte beim Taiji-Lernen die sogenannte Form. Je nachdem, aus welchem Stil diese Form stammt, sieht sie mehr oder weniger anders aus. Die bekanntesten Stile sind: Yang-Stil, Chen-Stil, Wu-Stil (davon gibt es 2) und Sun-Stil. Innerhalb dieser Stile gibt es verschiedene Formen. Am meisten praktiziert wird die Handform, das Taiji-quan (Taiji-Faust). Daneben gibt es noch verschiedene Waffenformen wie Schwert (Taiji-jian – Taiji-Schwert), Säbel, Stock und Fächer, um nur einige zu nennen. Und je nach Ausrichtung der „Schule“, an der wir lernen, hat unser Taijiquan verschiedene Ausprägungen. So gibt es zum Beispiel bei den Handformen lange, kurze, schnelle und viele weitere. Innerhalb dieses, schon sehr vielfältigen Rahmens, unterscheiden sich die Formen noch in der Ausführung. Je nach dem von welchem Meister oder Lehrer wir lernen werden die Bewegungen in der Form teilweise deutlich verschieden ausgeführt. Und so beginnen wir nun also unseren Weg Taiji zu lernen mit dieser Form.

Die Form im Taijiquan

Eine Art Choreographie, bei der in einer festgelegten Folge, verschiedene Einzelfiguren aneinander gereiht sind. Diese festgelegte Form kann eine Gruppe gut zusammen praktizieren, denn jeder kennt den Ablauf und weiß welche Bewegung als nächstes kommt. Dabei ist Taiji sowohl Gesundheitsübung, Kampfkunst und Meditation (Was ist Taiji?).

Prinzipien im Taijiquan

Wir sind noch damit beschäftigt, mit welchem Fuß wir einen Schritt in welche Richtung machen müssen und welche Hand oben oder unten ist um unsere Choreographie, unsere Taiji-Form, zu lernen, da werden wir auch schon mit weiteren „Anweisungen“ konfrontiert. Für unsere Bewegungen gelten bestimmte Regeln, die Prinzipien des Taijiquan. So kann es heissen, wir sollen loslassen, sinken, entspannen, fließen und so weiter.

Taiji Prinzipien

Es gibt verschiedene Prinzipien, die für die Ausführung der Bewegungen im Taiji gelten. Der Begriff Prinzip ist dabei nicht global definiert. Je nach Stil, Ausrichtung oder Schule, unterscheidet sich das Verständnis eines so genannten Prinzips.

Es können Prinzipien sein die…

 

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… eher wie Regeln den Bewegungen einen Rahmen geben.

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… mehr für innere Abläufe in unserem Körper gelten. Bei diesen beschäftigen wir uns auch mit Grundlagen von Bewegung überhaupt oder auch mit der Vorstellung, die der Bewegung zugrunde liegt.

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… auf einem philosophischen Hintergrund basieren. Es geht dann vielleicht um die Innere Haltung beim Praktizieren und Lernen.

Die Partnerübungen im Taijiquan (Tuishou; Pushhand)

Früher oder später werden wir unser Lernen durch Partnerübungen ergänzen. In diesen Übungen können wir erfahren, was wir schon umsetzen können und werden mit den Aspekten konfrontiert, die uns noch im Weg stehen. Auch diese Partnerübungen unterliegen gewissen äußeren Regeln. Sie haben eine äußere Form. Im Praktizieren setzen wir uns allerdings in erster Linie mit den Prinzipien auseinander.

Tuishou, auch Pushhands genannt, finden wir in verschiedenen Ausprägungen

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... als Übung im Lernen.

Im Unterricht oder beim gemeinsamen Üben können wir die Prinzipien „testen“. Wir bekommen und geben so gegenseitig Rückmeldung. Es ist eine gute Möglichkeit die Inhalte des Taijiquan zu vertiefen.

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... als Wettkampf.

Wettkämpfe im Taijiquan basieren auch auf solcher Partnerarbeit. Leider dominiert hier meist der Aspekt des Siegens. Muskelkraft und andere eher äußere Fähigkeiten wie Reaktion und Beweglichkeit rücken in den Vordergrund. Der bekannte Taiji-Meister Zhen Manqing sprach die Empfehlung aus: „In ́s Verlieren investieren.“

Taiji ohne Prinzipien?

Ohne die Prinzipien wäre unser Taijiquan eigentlich nur eine Art chinesischer Gymnastik. Gymnastik, also Bewegung, ist gut für uns, aber im Taiji steckt noch viel, viel mehr drin. Das zu ergründen braucht aber Zeit und wenn eine Sache Zeit braucht brauchen wir meist Geduld. Ein Problem hierbei erwächst aus unserer modernen Welt. Wir wissen zu viel. Bücher, Zeitschriften und Internet stellen uns eine große Menge an theoretischem Wissen zu Verfügung. So entsteht für uns mitunter ein Ideal, das wir uns als Ziel stecken. Wenn wir unseren persönlichen Erfolg im Taijiquan am erreichen eines solchen Ziels festmachen, haben wir das Ziel schon verfehlt bevor wir überhaupt begonnen haben. Wir sollten uns auf die alte Weisheit besinnen…

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Der Weg ist das Ziel.

Diese, von Konfuzius stammende Weisheit, verbinden wir im ersten Moment wahrscheinlich nicht damit, eine bestimmte Sache zu lernen. Aber genau darum geht es. Taijiquan zu lernen meint nicht Wissen anhäufen. Es ist eine andere Art des Lernens, als jene, die die meisten von uns während ihrer Schulzeit kennengelernt haben.

Was ist Lernen denn überhaupt?

Diese Frage können wir nicht pauschal beantworten. Egal aus welchem Umfeld wir stammen, weiß jeder zwar etwas mit diesem Begriff anzufangen, aber da die eigentliche Tätigkeit des Lernens ein methodischer Prozess ist, ergeben sich große Unterschiede. Bevor wir selbst begonnen haben, uns mit den Inhalten des Taijiquan auseinanderzusetzen, ist uns nur bekannt, was wir mit unseren Augen gesehen haben. Meist sehen wir die sogenannte Form, insbesondere die Handform, das Taijiquan (Taiji-Faust). Sehen heisst im Grunde aber nur, neue Bilder, die über die Augen in unserem Gehirn ankommen, mit dem zu vergleichen, was uns schon bekannt ist. Manchmal sind diese, in uns abgelegten Bilder, auch der Theorie entsprungen und wir erkennen Taiji vielleicht weil wir darüber gelesen haben. Der Kämpfer sieht Techniken der Verteidigung und des Angriffs, wo der Tänzer rhythmische, fließende Bewegungen sieht. Mit dem Lernen verhält es sich ähnlich. Wir haben eine Erfahrung davon, was Lernen für uns bedeutet.

Wir greifen auf die Methoden zu, die uns bekannt sind.

Geprägt sind diese Lernvorgänge meist aus unserer Schulzeit. Doch als wir noch nicht zur Schule gegangen sind haben wir auch gelernt und nachdem wir die Schule abgeschlossen haben, haben wir nicht aufgehört zu lernen. Lernen geht weit über die Tatsache hinaus, sich Wissen anzueignen. Sich Wissen aneignen ist nur ein kleiner Teil unseres Lernens. Und doch ist der Begriff lernen für uns in erster Linie mit dem Aneignen von Wissen verbunden. Wissen zu erwerben ist für uns so präsent, weil wir mit diesem Wissen ganz praktische Dinge tun können. Wir können damit unseren Lebensunterhalt verdienen, und mehr oder weniger Fragen beantworten, die uns gestellt werden. Ist uns bewusst, dass das Lernen ausserhalb dieses schulischen Kontextes, ausserhalb von „sich Wissen aneignen“, eine viel wichtigere Basis für unser Leben ist?

Erfolgreich Taiji lernen

Erfolge beim Taijiquan entstehen nicht durch ein mehr an Wissen, sie sind nicht quantitativ zu messen. Viele verschiedene Formen laufen zu können, heisst nicht automatisch, Taiji gut zu können. Die Qualität im Taiji steckt vielmehr im Verständnis der Prinzipien. Dabei geht es aber nicht primär um ein theoretisches Verständnis. Es geht vielmehr darum, sich nach diesen
Prinzipien bewegen zu können. Ein korrektes ausführen der Form fusst zum größten Teil auf der Anwendung der Prinzipien. Aber selbst wenn wir dieses Verstehen und Umsetzen der Prinzipien messen könnten, sollte dies für einen persönlich immer noch nicht den Erfolg definieren. Erfolgreich Taiji zu praktizieren heisst für mich, mit Veränderungen gut umgehen zu können.

So beginnen wir zu lernen

Hier im Westen beginnen wir mit Taiji meist erst als Erwachsene. Wir bringen somit schon gefestigte Vorstellungen, geistige Haltungen, mit. Mit diesen Werkzeugen beginnen wir nun Taiji zu lernen. Zum Beispiel wird ein Ingenieur in der Regel sehr strukturiert an die Sache herangehen. Ein klarer Ablauf, wie etwa: Schritt mit links, dann Gewicht nach vorne, linke Hand oben, usw. werden das Gerüst sein, indem sich dieses Neue, die Form des Taiji, verankert. Es wird für ihn wichtig sein, warum eine Bewegung so ausgeführt werden soll und was der Zweck ist. Ein leidenschaftlicher Tänzer, dem die Freiheit im Tanzen wichtig ist, wird mit seinem Verständnis von Ästhetik arbeiten und in der Form nach Leichtigkeit und Schwung suchen. Beide, der Ingenieur und der Tänzer bringen in den genannten Beispielen schon einen Aspekt mit, der auch im Taiji vorhanden ist, doch „besser“ wäre der frei tanzende Ingenieur, vielleicht noch mit akrobatischen Wurzeln, einem ausgesprochen gutem Tastsinn der sich den ganzen Tag bewegt statt nur zu sitzen und niemals Ärger im Alltag empfindet – Quasi die Eierlegende-Wollmilchsau des Taiji.

Veränderung ist der Erfolg

Bleiben wir bei unseren beiden Taijischülern aus dem Beispiel, dem Ingenieur und dem Tänzer. Selbst wenn nun beide wissen, dass sie ein Stück des anderen bräuchten, würden sie auch das, mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, versuchen zu erlangen. So würde der Ingenieur zu beginn versuchen, in den leichten Bewegungen des Tänzers, die für ihn wichtigen Strukturen zu erkennen. Das ganze läuft zudem unterbewusst ab, weil wir eben so gestrickt sind. Der Ingenieur müsste dabei nicht einmal bewusst an Strukturen denken. Für unseren Ingenieur wäre es hilfreicher ein Stück seiner Art des Lernens zu verlernen. Dies wäre eine erste Veränderung und im Prozess, Taiji zu lernen, unser erster Erfolg. Ein bekannter Spruch, was wir durch Taijiquan erlangen können sagt:

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Geschmeidig wie ein Kind, stark wie ein Holzfäller und gelassen wie ein Weiser

Wir haben hier drei Lebensphasen mit zugesprochenen Idealen. Die Weichheit ohne Konditionierung eines Kindes. Hier sind sowohl körperliche wie geistige Aspekte angedeutet. In der Blüte unseres Lebens, der Zeit des Holzfällers, entfaltet sich das Potenzial der Stärke. Wir wirken nach aussen und bewegen Dinge in unserem Sinn. Im Alter dann haben wir die Weisheit die uns Ruhe bringt. Wir fühlen uns nicht mehr von aussen getrieben und haben erkannt, was das Wesentliche im Leben ist. Genau so, wie wir Taiji als ganzheitlich sehen, müssen wir die genannten Ideale ganzheitlich sehen. Es geht nicht darum mal geschmeidig und mal stark zu sein, mal gelassen und dann zielstrebig. Unser Ziel, welchem wir uns durch Taiji annähern können, ist es, die Ideale zu vereinen. Geschmeidig mit einer inneren Gelassenheit wirken wir nach Aussen mit all unserer Kraft. Sie können sich sicher vorstellen, dass wir das nicht mit einer bloßen Choreografie erreichen können. Es sind die Aspekte der Prinzipien, die uns diesen Weg aufzuzeigen vermögen.

Schnelle Erfolge beim Taijiquan

Doch auch an die Prinzipien werden wir mit unseren bestehenden Mustern herangehen. Der Ingenieur wird den besten Zugang zu den Prinzipien haben, die z.B. für eine korrekte Körperhaltung gelten. Mit der Anweisung, dass die Arme rund gehalten werden kommt er gut klar. Und so hat jeder von uns Aspekte, die ihn ansprechen. In diesen Prinzipien fühlen wir uns dann zuhause. Wir haben auch gleich das Gefühl etwas zu können, denn wir tun im Grunde etwas, was wir schon können, eben nur mit einem neuen Rahmen, dem Taiji.

Das sind unsere ersten „Erfolge“.

Nach diesem Schema können wir dann eine Form nach der anderen lernen. Aber wollen wir das?
Wenn wir uns wirklich weiterentwickeln wollen müssen wir unseren Horizont auf inhaltlicher Ebene erweitern. Das sammeln von Formen gibt uns nur deswegen das Gefühl erfolgreich zu sein, weil diese Art Erfolg, nämlich viel zu besitzen, in unsere Gesellschaft allgegenwärtig ist. Wenn wir anfangen uns mit den Inhalten, also den Prinzipien im Taiji zu beschäftigen, bedeutet dies nicht, dass wir auf das Gefühl von Fortschritten verzichten müssen. Alleine die Tatsache, dass wir in der Auseinandersetzung mit etwas Neuem, uns auch automatisch in einem Lernprozess befinden, heisst, dass wir Fortschritte machen. Wir werden diesen Zugewinn für uns wahrscheinlich nicht augenblicklich wahrnehmen. Es braucht eben Geduld. Die Veränderungen auf körperlicher wie geistiger Ebene, die sich beim stetigen, geduldigen Üben einstellen, sind unsere Entwicklung, unser Erfolg.

Eine kleine Geschichte

Ein 10 Euro-Geldschein liegt auf einem Mauervorsprung. Wir kommen im Moment nicht an ihn ran. Fixiert auf den Schein springen wir immer wieder in die Höhe. Unter Umständen wird sich unsere Sprungleistung mit der Zeit verbessern und vielleicht werden wir den Geldschein irgendwann erreichen. Wir wissen es nicht. An der Mauer ist auch ein Weg. Ein anderer folgt dem Weg. Der Weg könnte ja nach oben zur Mauer führen. Während er mit offenen Augen wandert findet er mal einen Euro, mal ein paar Cent im Umfeld des Weges. Mal muss er sich danach bücken, mal ein wenig strecken. Ob der Weg nun wirklich zur Oberseite der Mauer führt, weiß auch er nicht. Er freut sich aber über jeden Euro den er findet. Wenn er Glück hat zeigt im auch noch jemand an den Gabelungen des Pfades die Richtung die zur Mauer führt und er wird am Ende zusätzlich mit den 10 Euro belohnt.

Such Dir jemanden, der Dir nicht nur große Geldscheine vor die Nase hält. Selbst wenn er im Stande ist, dir zu erklären wie Du Dein Springen verbesserst. In Situationen, in denen du Dich bücken musst, wird dir das nicht helfen. Suche Dir einen Begleiter, der den Weg mit dir geht. Einen, der dir auch die kleinen Münzen zeigt, die du zu erreichen vermagst.

Autor: Thomas Huber